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Forum Kultur - Die Ersatzdomain meines schlechten Gewissens
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| michellapricot (Gast) |
Ich war auf einer Familienfeier. Weißt du, diese Veranstaltungen, bei denen deine Tante dich fragt, warum du immer noch Single bist, und dein Onkel erklärt, dass er mit 22 schon ein Haus gebaut hat. Es war schlimm. Richtig schlimm. Der Kuchen war trocken, die Musik zu laut, und irgendjemands Kleinkind schrie mir zehn Minuten lang direkt ins Ohr. Ich brauchte eine Ausrede. Also sagte ich: „Muss kurz eine wichtige Mail beantworten. Arbeitszeugnis. Sehr dringend.“ Meine Tante schaute mich misstrauisch an, aber ich war schon draußen auf dem Balkon. Die einzige ruhige Ecke im ganzen Haus. Nur ich, eine halbvolle Flasche Mineralwasser, und mein Handy. Und dann – keine Ahnung, warum genau in diesem Moment – fiel mir die Seite wieder ein. Du weißt schon. Die, von der mir ein Arbeitskollege vor Wochen erzählt hatte. „Ganz entspannt“, sagte er damals. „Kein Druck. Einfach zum Runterkommen.“ Ich hatte mir die Adresse in meine Notizen getippt. Unter „Ab und zu“. Ich öffnete die Datei. Da stand sie: eine Vavada Ersatzdomain. Weil die Hauptseite manchmal nicht erreichbar ist, hatte er erklärt. „Die nutze ich immer. Sicher und schnell.“ Normalerweise hätte ich in dem Moment aufgelegt. Aber es war so laut da drinnen. Und das Kleinkind schrie immer noch. Also klickte ich drauf. Die Seite lud. Ruhiges Design. Kein Schnickschnack. Ich meldete mich an – mein alter Account war noch da. Sechs Monate inaktiv. 3 Euro Restguthaben. Das fühlte sich an wie eine verstaubte Jackentasche, in der du einen alten Zehner findest. Ich lud 25 Euro auf. Plus die 3 Euro. Startkapital: 28 Euro. Ich suchte mir ein Spiel aus, das ich nicht kannte. So eines mit Sternen und Planeten. Weltraum-Slot. Die Musik klang wie aus einem alten Sci-Fi-Film. Total übertrieben. Aber genau das Richtige, um nicht an Tante Inge und ihre penetranten Fragen denken zu müssen. Die ersten Runden waren unspektakulär. Gewinnen, verlieren, gewinnen, verlieren. Ich blieb so bei 22 Euro. Dann fiel ich auf 18. Dann hoch auf 25. Das ging eine Viertelstunde so. Ich trank mein Mineralwasser, der Wind wehte leicht, und drinnen lachte jemand über einen Witz, den ich nicht hören wollte. Es war friedlich. Fast meditativ. Und dann geschah etwas, womit ich nicht gerechnet hatte. Das Spiel wechselte plötzlich in einen „Hypermodus“. So hieß das zumindest. Die Walzen drehten sich schneller. Die Gewinne wurden in Echtzeit verdoppelt – wenn ich richtig gesehen habe. Ehrlich, ich hab die Regeln nicht mal gelesen. Ich drückte einfach. Immer wieder. Ein kleiner Gewinn: 4 Euro. Noch einer: 7 Euro. Dann ein mittlerer: 22 Euro. Mein Konto kletterte auf 41 Euro. Dann auf 53. Bei 67 Euro machte ich eine Pause. Ich atmete einmal tief durch. Drinnen schien jemand „Zum Wohl!“ zu rufen. Draußen war es still. Nur das leise Surren meines Handys. Ich erhöhte den Einsatz. Von 50 Cent auf 1 Euro. Nur für ein paar Runden. Ein Risiko, klar. Aber ich hatte das Gefühl, dass heute einfach mein Tag war. Drehen. Nichts. Drehen. 8 Euro Gewinn. Drehen. Bonusrunde. Zwei Planeten reihten sich aneinander. Ein dritter kam dazu. Das Display flackerte – und plötzlich hatte ich 12 Freispiele. Mit einem 3-fach Multiplikator. Das bedeutete: Jeder Gewinn in dieser Runde würde verdreifacht. Das erste Freispiel: 6 Euro – multipliziert = 18 Euro. Das zweite: 4 Euro – multipliziert = 12 Euro. Das dritte: 0. Das vierte: 11 Euro – multipliziert = 33 Euro. Ich atmete nicht mehr. Ich starrte auf die Zahlen. Nach dem achten Freispiel stand ich bei 112 Euro. Nach dem zwölften bei 147 Euro. Die Bonusrunde endete. Ich saß da, den Rücken gegen die Balkontür gelehnt, das Handy in beiden Händen. 147 Euro. Aus 28 Euro. Auf einer Familienfeier, auf der ich eigentlich nur eine Ausrede gesucht hatte. Ich zahlte sofort aus. 120 Euro gingen auf mein Konto. 27 Euro ließ ich für später drauf. Dann steckte ich das Handy weg. Ging zurück ins Wohnzimmer. Meine Tante fragte: „War die Mail so wichtig?“ Ich sagte: „Ja. Beförderung.“ Sie wusste nicht, dass ich nicht gelogen hatte. Nur anders. Die Geschichte endet nicht mit einem großen Jackpot. Keinem Ferrari, keiner Traumreise. Aber als ich am nächsten Morgen aufwachte, war das Geld da. 120 Euro, die vorher nicht da waren. Ich kaufte mir davon neue Kopfhörer. Die alten waren seit Monaten kaputt. Jedes Mal, wenn ich jetzt Musik höre, denke ich an diesen Balkon. An das Mineralwasser. An die Vavada Ersatzdomain, die eigentlich nur ein Notfallplan war – und dann zum Glücksgriff wurde. Spiele ich oft? Nein. Einmal im Monat vielleicht. Immer mit kleinen Beträgen. Immer mit dem Gedanken: „Wenn’s weg ist, war’s ein Kinoabend.“ Aber dieser eine Abend? Der war besser als jeder Film. Und Tante Inge? Fragt immer noch nach einem Freund. Aber das ist okay. Ich hab Kopfhörer. Das überbrückt so einiges. |
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